
BRASS BAND NEWS-Leser Jörg Müller äusserte in seinem Kommentar zum Liveticker des Schweizerischen Brass Band Wettbewerbs 2025 anregende Gedanken. Er beschäftigt sich insbesondere mit der Frage, welchen Stellenwert Emotionen bei der Beurteilung eines Brass Band Wettbewerbs erhalten und äussert Kritik am Veranstaltungslokal. Um dem Kommentar mehr Aufmerksamkeit zu schenken, veröffentlichen wir ihn hier nochmals im Artikel. Was denken Sie zu diesen beiden Themen?
"Nach vielen Jahren der Abwesenheit am Schweizerischen Brass Band Wettbewerb möchte ich wissen, wie die grossartigen Schweizer Bands, die mittlerweile Europameistertitel tragen, denn live tönen. Es eilt ihnen ein Ruf voraus, der nur mit Makellosigkeit umschrieben werden kann. Die legendären britischen Bands stehen hinter ihnen im zweiten Glied. Unglaublich fast.
Ich bin am Sonntag im KKL. Die Bands der 1. Klasse haben ihr Teststück zu spielen und die Höchstklasse-Bands geben ihr Selbstwahstück zum besten. Um 10 Uhr beginnt die 1. Klasse im 'Luzerner Saal', einem Raum neben dem berühmten grossen 'Weissen Saal (Salle Blanche)'. Schon beim Betreten des Raumes befällt mich ein beklemmendes Gefühl, nachdem ich die Kubatur erkannt und die düstere Farbgebung gesehen habe. 'Schwarzer Lagerraum' neben 'Weissem Saal'? Oder ein Trainingskeller mit Stage? Kaltes Licht, flache Bestuhlung, schwarze Bühne, triste Atmosphäre. Die erste Band hat sich installiert und darf die Nationalhymne spielen. Sie spielen höchstens mezzoforte, möglicherweise um Kräfte zu sparen? Oder spielen sie forte und der Raum frisst alles weg - aber so viel? Irritation ist unter den Zuhörern spürbar. Der erste Vortrag geht vorüber. Ich sitze ziemlich vorne, höre die Band aber äusserst gedämpft, die leisen Stellen kaum verständlich. Der Raum ist nicht nur optisch abstossend, auch akustisch geht nichts, praktisch schalltot, keine Nah-Atmosphäre, kein Nachhall, einfach nichts. Es drängt sich mir die Frage auf: "Wie können die da nur spielen?" Ein Freund hat mich dann am Abend aufgeklärt. Er ist ein renommierter Euphonium-Spieler und hat die Backrow Cornets nicht gehört - in der sicheren Annahme, sie würden schon spielen... (...) Damit Fazit: Für akustische Darbietungen völlig ungeeignet. Eine absolute Zumutung für Musizierende und Zuhörer. Nun höre ich noch eine zweite Band. Sie ist zwar etwas besser wahrnehmbar, aber weit weg vom Konzertfeeling, das ich mir wünschen würde. Ob die Spieler überhaupt den Applaus hören?
Danach wechsle ich in den weissen Saal. Es fühlt sich im Nachhinein an wie die Auffahrt von der Hölle in den Himmel. Im Gegensatz zu vorher ist es nun ein Saal, künstlerisch aufgemacht für Auge und Ohr. Die Akustik einstellbar über Schallwände, das aufgewärmte Licht reflektiert von den weissen Flächen, die Bühne in Holz-Design eingefasst vermittelt dem Künstler das notwendige Feedback bei seiner Performance. Der Saal schafft Raum über dessen kontrollierte Akustik. Hier entsteht eine Wohlfühl-Atmosphäre für den Zuhörer und ein Raum-Dialog für die Künstler. Das macht sich beim ersten Vortrag schon voll bemerkbar. Nein, noch in der kalten Erinnerung verharrend erschrecke ich über den neuen Zustand der überragenden Nähe zum Orchester. Der Saal trägt die Musik ohrenschmeichelnd ins Publikum und der Klang erstrahlt in voller Brillanz.
Die Bands treten auf, darunter auch die Favoriten, die letztjährigen Europameister, die momentan kaum zu überbieten sind. Valaisia, Treize Etoiles, Luzern und Valaisan zeigen eine Performance erster Güte, für mich nicht feststellbar, wer besser sein soll. Luzern bringt eine Konzertshow mit einzigartigen Solisten und verlängert dabei die Aufstellung bis in den Zuhörerraum. Sie ernten einen fulminanten Applaus dafür. Die Jury sah sie dennoch 'nur' auf Platz 3. Valaisia und Treize wurden bevorzugt, die vorderen Plätze zu belegen. Während es Luzern und Valaisan gelang, Emotionen herüber zu bringen und damit die Musik lebendig wirkte, war bei den Spitzenreitern alles derart unter Kontrolle, dass dafür leider kaum Platz übrig war. Emotionen auszulösen ist ein zentrales Element der Musik, nicht messbar, nur erspürbar und individuell. Meine Aussage ist daher sehr subjektiv, zugegeben, aber ich erlebe es so. Ohne Emotionen ist die Aufführung lediglich noch perfektes Handwerk. Den Musikern ist dies natürlich bewusst und die Musik wird deshalb mit viel Intensität und Vibrato geschwängert. Aber reicht das wirklich aus?
Braucht es nicht noch einen Funken Spontanität, der die Emotionen auslöst? Oder ist das bereits die Abweichung von der Partitur, die den Titelverteidiger vom Thron stürzt? Irgend jemand wird es mir erklären. Klar ist hingegen, dass dies ein spezifischer Wettbewerb ist. Ein Wettkampf mit höchstem Einsatz vor einer kompetenten Jury, die dazu da ist, Ränge auszusprechen, auch wenn die Leistungen um Haaresbreite nebeneinander liegen. Und dazu muss immer berücksichtigt bleiben: Gemessen werden die reproduktiven Fähigkeiten der Musiker und nicht deren interpersonelle Leistung, eine Atmosphäre, eine Stimmung, ein Gefühl dem Zuhörer zu vermitteln. Um das zu werten, müsste das Publikum auch eine Stimme haben, wofür man noch keinen Schlüssel gefunden hat, wie das 'gerecht' gehen sollte. Diese Komponente überwiegt aber in vielen anderen Musikrichtungen häufig. Nur so ist erklärbar, wie die gesamte Musikbranche tickt und warum wohl die besten Bands nicht zwingend die meisten Zuhörer im Konzertsaal haben."
Musik hat eine Bringpflicht, sie existiert nicht für sich selbst.
Zur Information: Ab dem nächsten Jahr findet der Schweizerische Brass Band Wettbewerb wieder im 2m2c in Montreux statt, wo in der Miles Davis Hall jedoch ziemlich ähnliche Verhältnisse wie im Luzerner Saal herrschen. Was denken Sie: Ist es vertretbar, dass Bands unter akustisch ungeeigneten Bedingungen bewertet werden?
Diskussionspunkte
Die emotionale Komponente liefert immer wieder eine Grundlage zu intensiven Diskussionen. Ab wann wird musikalische Kontrolle zur emotionalen Bremse? Ist emotionale Wirkung im Brass Band Wettbewerb ein Qualitätsmerkmal oder ein Risiko? Kann Musik ohne spürbare Emotion trotzdem „grossartig“ sein? Wo liegt die Grenze zwischen reproduktiver Leistung und künstlerischem Ausdruck?
Viele Emotionen werden vermutlich durch visuelle Reize beeinflusst, welche bei einer verdeckten Jury wegfallen. Doch ist es überhaupt Aufgabe der Jury, Emotionen zu bewerten – oder gerade nicht? Wie subjektiv darf oder muss eine Juryentscheidung sein?
Schlussendlich stellt Herr Müller die Rolle des Publikums in Frage. Würde eine Publikumswertung das System bereichern oder verfälschen? Für wen wird bei solchen Wettbewerben eigentlich musiziert: für die Jury oder für das Publikum?
Die Diskussionspunkte sind nicht neu, doch es lohnt sich, diese immer wieder zu besprechen. Denn attraktive Wettbewerbe sorgen auch für eine nachhaltige Fortführung und Weiterentwicklung der Brass Band-Szene.
Wir sind gespannt auf Ihre Gedanken dazu in den untenstehenden Kommentaren.
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